Abenteuer auf dem Caminho Real

Die verborgene Höhle

Als ich während meiner mehrwöchigen Wanderung entlang des alten Gold- und Diamantensucherweges, dem Caminho Real, das Dorf Itambé do Mato Dentro erreiche, wissen die Bewohner schon von meinem Kommen. Auf den rund 200 Kilometern, die ich bislang zu Fuß von Diamantina aus zurückgelegt hatte, hatte es sich schon herumgesprochen, dass ein Deutscher den Caminho Real begeht und nach Besonderheiten sucht.

Entsprechend erwartete mich ein "Empfangskomitee" bestehend aus einem Hotelier, einer Köchin, einem Lebensmittelhändler, dem Lehrer, dem ortsansässigen Arzt und einer Krankenschwester. Alle begrüßten mich herzlich. Die fröhliche Zeze, der man ansah, dass sie ihr treuster Gast im Restaurant ist, schenkte mir ein T-Shirt mit einem Landschaftsmotiv der Region und lud mich zum Essen in ihre kleine Restaurantbar ein. Die anderen hielten das für eine sehr gute Idee und kamen gleich mit. Der Hotelier Euzébio meinte, dass die Gegend um Itambé landschaftlich zu den schönsten von ganz Minas Gerais gehöre und dass er mir gerne einige Höhepunkte zeigen möchte. Wie lange ich denn hier verweilen wolle? Was? Nur einen Tag? Neineinein, das gehe natürlich nicht. Mindestens drei Tage müsse ich schon bleiben, um wenigstens die wichtigsten Attraktionen gesehen zu haben. Die Anderen pflichteten ihm bei. Er persönlich wolle mich auch zu den Wundern der Natur in diese Gegend führen. Gut, was gab es da für mich noch groß zu überlegen? Ein solches Angebot konnte ich nicht abschlagen.

Noch an diesem Nachmittag brachen wir auf, DIE SENSATION der Gegend zu erkunden. Erst im November 1999 wurde von einem jungen Mann aus Itambé per Zufall eine Höhle entdeckt, die knapp 10 km nördlich vom Ort liegt. Sie ist sehr versteckt und man darf nicht wasserscheu sein, will man sie erreichen und erkunden. Der Höhle wurde der Name Baixada das Crioulas gegeben, was wörtlich übersetzt soviel wie "Niederung der Schwarzen" bedeutet.

Als fünfköpfige "Expedition", ausgerüstet mit Gas- und Taschenlampen, brachen wir nach einer kurzen Siesta auf. Neben Euzébio waren dessen Bruder Eduardo, der Arzt Julio, die Krankenschwester Andrea und ich dabei. Über eine schlaglochreiche Piste, die in Folge der Regenfälle der letzten Tage zudem an vielen Stellen sehr schlammig war, legten wir mit einem Geländewagen der Marke Lada die ersten Kilometer zurück. An einer Einfahrt zu einem kleinen Waldstück, ließen wir den Wagen stehen und liefen rund 1,5 km durch Wald und über Weiden, bis wir an einen schönen Wasserfall kamen, der auf rund 20 m Breite vielleicht 25 m in die Tiefe stürzte. Lächelnd erklärte Euzébio mir, dass der Weg zur Höhle durch diesen Wasserfall führe. Na gut, bei dem vielen Regen, den ich in den letzten Tagen abbekommen hatte, kam es nun auf einen Wasserfall auch nicht mehr an. Augen zu und durch!

Wir nutzten eine Lücke im "Wasservorhang", um auf einen gut begehbaren Felsvorsprung hinter dem Wasserfall zu kommen. Der Lärm war ohrenbetäubend, aber die Optik absolut faszinierend. Noch nie hatte ich hinter einem Wasserfall gestanden. Die Gischt war jedoch so stark, dass ich lieber kein Foto riskierte, um die Kamera nicht zu gefährden.

Auf dem Felsvorsprung liefen wir hinter dem Wasserfall vorbei und stiegen einige Meter zu einem kleinen Fluss hinab, dem wir nun flussaufwärts folgten. Nach etwa 200 Metern standen wir vor einem riesigen Höhleneingang, bestimmt 20 m hoch und ebenso breit. Doch Euzébio erklärte, dass dies noch nicht die Höhle sei, die er mir zeigen wolle. Dies sei nur ein Durchbruch durch den Berg, den der Fluss im Laufe der Jahrtausende ausgewaschen habe.

Tatsächlich, als wir die Felsen hinaufgestiegen waren, um nicht durch den Fluss laufen zu müssen, der an dieser Stelle reißend war, sah ich nach rund hundert Metern Dunkelheit wieder Licht.

Der Regen verstärkte sich und wir konnten zusehen, wie der Fluss minütlich anstieg. An ein Weiterkommen war unter diesen Umständen nicht zu denken, denn der weitere Weg sollte durch genau diesen Fluss führen. Wir warteten in der "Wartehalle" des Berges über eine Stunde, bis der Regen endlich nachließ, der Flusspegel sichtbar sank und sich die Strömung wieder beruhigte.

Nun wateten wir, zeitweise hüfttief, rund 800 m durch den Fluss. Dabei mußten wir uns oft noch tief bücken, um an überhängenden Ästen vorbeizukommen. An ein Vorankommen an Land war nicht zu denken. Der Wald war undurchdringlich (ganz abgesehen davon, dass er die Heimat nicht weniger Schlangen war, denen ich mit meinen Sandalen lieber nicht auf den Schwanz treten wollte...).

Nach etwa 45 Minuten erreichten wir erneut einen Höhleneingang, deutlich kleiner als der erste. Nicht ohne Stolz in der Stimme meinte Euzébio: "Das ist sie. Wir müssen nur dem Fluss innerhalb der Höhle weiter folgen. Nach einem Kilometer werden wir in der Höhle seine sprudelnde Quelle erreichen. Nebenbei, hast du eigentlich Platzangst?"

Fragend sah ich ihn an. Platzangst? Wieso Platzangst? Er deutete in die Höhle hinein. Ich sah, wie sich der Gang immer mehr verjüngte, bis es nach 20 m so aussah, als ginge es nicht mehr weiter. Aber das sah eben nur so aus. Und das war auch der Grund, warum man überhaupt erst im November 1999 diese Höhle entdeckt hatte und ich erst der achte Mensch sein würde, der sie je betrat.

Auf dem Landweg war es nicht möglich, die Höhle zu betreten. Aber wäre das nicht auch viel zu langweilig gewesen? Hier hieß es nun, alles Überflüssige abzulegen (also auch meine Kameraausrüstung) und wieder mal in den Fluss zu steigen.
Der hatte an dieser Stelle allerdings nur noch die Ausmaße eines Baches, war jedoch noch erstaunlich tief und wies eine ordentliche Strömung auf. Als ich hinein stieg, reichte mir das Wasser bis zum Bauchnabel.

Der Eingang zur Höhle

Doch um einen Felsbrocken zu passieren, der den eigentlichen Höhleneingang versperrte, mußten wir bis auf Augenhöhe ins Wasser eintauchen und die Luft anhaltend um den Fels herumklettern. Nach etwa 10 Sekunden war wieder auftauchen angesagt. Der Höhlengang war jetzt nur noch ein niedriger Schlauch. Bäuchlings robbten wir gut 20 m im Bach, bis wir eine erste Halle erreichten, in der wir uns aufrichten konnten. Im Licht unserer Lampen konnten wir sehen, daß wir als nächstes einen kleinen Höhlensee zu durchwaten hatten, bevor wir innerhalb eines Wasserfalls gut 6 m hinaufklettern mußten.

Rund einen Kilometer kann man die Höhle hineingehen. Etwa 2 Stunden verbrachten wir in der Höhle Baixada das Crioulas und waren absolut fasziniert von diesem Ort der Einsamkeit und ewigen Dunkelheit.

Als wir die Höhle wieder verlassen hatten und den Rückweg antraten, begann es heftig zu regnen. Aber das störte nun auch nicht mehr...

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