Faszination Urwald

Eine Wanderung mit Überraschungen in der Chapada Diamantina

Wanderung zum Ramalho Wasserfall Am Vormittag brechen wir mit dem ortskundigen Führer Malhado zu einer Wanderung durch den Dschungel zum Ramalho Wasserfall auf. In einem Geländewagen der Pousada Ecologica bringt uns ein Fahrer auf "Straßen", die unser Fiesta nun wirklich nicht mehr bewältigt hätte, zunächst in ein rund 10 km nördlich von Andaraí gelegenes und von steilen Bergen umgebenes Tal. Hier beginnt auf schmalen Trails der rund dreistündige Aufstieg zum Wasserfall.

Nach etwa einer Stunde des Weges durch den Urwald, den Wildwasserfluss immer rechter Hand, aber oft 20 oder 30 m oberhalb des Flusses, so dass wir viele herrliche Ausblicke in die Schlucht geniessen können, erreichen wir ein kleines Naturwunder. Um es genauer Betrachten und auch "ausprobieren" zu können, verlassen wir den Weg und steigen zum Fluss hinunter.

Carla im "Milchshaker" Im Laufe der Jahrtausende hat das Wasser des Flusses von unten ein senkrechtes, kreisrundes Loch von etwa 90 cm Durchmesser und vier Metern Tiefe in einen Stein gefräst. Mit großer Wucht schiesst nun das Flusswasser von unten in das Loch. Es entsteht ein kräftiger Strudel, der jedoch keine Sogwirkung hat. Das bedeutet: dieses Loch ist so etwas wie ein natürlicher Whirlpool!
Und den haben wir natürlich ausprobieren müssen. Das Wasser ist nicht kalt und so gleitet man schnell in den Pool. Welch eine Gaudi!!!
Man "schwebt" senkrecht im Wasser und wenn man sich nicht am Rand festhält sondern die Arme am Körper anlegt oder sie lang ausstreckt, dreht man ohne eigenes Zutun eine Pirouette nach der anderen. Das kann man solange fortsetzen, bis einem schwindelig wird oder die anderen einen herausziehen, weil sie diesen "Milchshaker" (Carla) auch mal ausprobieren wollen.
Nahaufnahme Nachdem wir uns alle erfrischt hatten, machen wir uns wieder auf den Weg. Der Weg führt nun immer häufiger über die Steine des Flussbettes, da die Berge links und rechts des Flusses das Tal immer enger und die steilen Abhänge das Gehen durch den Wald schwierig machen.
Plötzlich bleibt Malhado wie angewurzelt stehen und bedeutet uns mit warnender Gestik, ebenfalls nicht weiter zu gehen. Wir sehen zunächst nicht, wo Gefahr lauern soll. Malhado flüstert: "Uma Cobra!" Eine Schlange!.
Die Einheimischen haben grossen Respekt oder deutlicher gesprochen Angst vor allem, was ohne Beine über den Boden kriecht. Egal ob giftig oder nicht, einer Schlange wird das Recht auf Leben abgesprochen. Kreuzt ein Mensch den Weg einer Schlange, dann muss sie sich beeilen, will sie nicht erschlagen werden.
Schlange an Luftwurzel Diese Schlange hatte Glück, denn Malhado wusste inzwischen, dass ich Fotograf bin und besonders gerne lebende (!) Tiere fotografiere. Unter vielen warnenden Ratschlägen gestattet er mir, mich der Schlange zu nähern.

Nun, ich kenne mich nicht sehr gut mit Schlangen aus, aber mein Gefühl sagt mir das diese nicht gefährlich ist. So nähere ich mich bis etwa 40 cm dem rund 100 cm langen Tier, das sich den Fels entlang schlängelt und mache einige schöne Portraits.
Als ich meine Kamera schon wieder einpacken will, ruft Carla plötzlich: "Schau nur, Norbert!" Die Schlange kroch senkrecht an einer der unzähligen Luftwurzeln, die die Felsen hinunter hängen, hinauf. Ein toller Anblick. Und auch ein tolles Foto!

Nach einer weiteren halben Stunde steilen Weges, wollen wir kurz verschnaufen und halten, um einige hübsche Blüten zu bewundern. Leider bemerkt keiner von uns den Bienenstock, der sich im Gebüsch neben diesen Blüten befindet. Unser Gespräch scheint die Bienen zu belästigen und ein Trupp schwirrt aus, den Bienenstock zu verteidigen. Im Nu sind wir auf der Flucht, verfolgt von hunderten von Bienen. Erst gut 50 m jenseits des Stockes geben sie die Verfolgung auf.
Allerdings haben sich schon Dutzende von Tieren in unsere Haare gesetzt und sind in die T-Shirts gekrochen. Die Stiche sind unangenehm, tun zum Glück aber nicht sonderlich weh. Carla ist am ärgsten betroffen. Aus ihrem langen Haar müssen wir zig Bienen herausfuseln. In meinem T-Shirt finde ich noch Stunden später ein verirrtes Exemplar.
Kleine Pause kurz vor Erreichen des Ramalho Wasserfalls Endlich erreichen wir den Ramalho Wasserfall, der auf einer Breite von rund 15 Metern etwa 40 Meter in die Tiefe stürzt. Der Wind verwirbelt das hinab stürzende Wasser so sehr, dass am Fuße des Wasserfalls nur eine Art Nieselregen ankommt. Dort hat sich ein kleiner See mit Steininseln gebildet.
Eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch!

Wir erfrischen uns im relativ kühlen Wasser des Sees und geniessen dann die wärmenden Strahlen der Sonne auf einer der Steininseln.

Am Coca Cola See des Ramalho Wasserfalls Wir fühlen uns glücklich, von einer solchen Idylle für den strapaziösen Aufstieg belohnt worden zu sein. Es herrscht eine wohltuende Ruhe. Kein Zivilisationslärm ist zu hören. Keine Auto-, Traktoren- oder Flugzeugmotoren stören die vielfältige Naturgeräuschkulisse.
Nur das Wissen darum, dass wir unbedingt noch im Tageslicht wieder zurückkehren müssen, zwingt uns zum Verlassen diese paradiesischen Ortes nach über zweistündiger Rast.
Plastiktüte als Bienenschutz Auf dem Rückweg schleichen wir wortlos an dem Bienenstock vorbei, die Haare sicherheitshalber mit T-Shirt, Handtuch oder Plastiktüte bedeckt. Ich bleibe stehen und nähere mich dem Bienenstock bis auf einen Meter, um ein Foto zu machen. Ich bleibe unbehelligt.
Am Vormittag hatten sich die Bienen wohl nur durch unser "Geschnatter" gestört gefühlt.

Am nächsten Morgen kommt Malhado nur kurz zu uns an den Frühstückstisch. Er meint, dass er heute keine Zeit für uns habe und nur eben "Ciao" sagen wolle. Er müsse nun schnell wieder nach Hause, da bei seiner Frau die Wehen begonnen haben und sein zehntes Kind jeden Augenblick das Licht der Welt erblicken könne.
Nun denn, herzlichen Glückwunsch, Malhado!

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