Igatú
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Eine lebendige Geisterstadt
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Die asphaltierten Straßen Bahias sind in der Regel von Schlaglöchern nur so übersät! Besonders die Hauptverkehrsadern sind davon sehr betroffen. Immer wieder ereignen sich Unfälle, weil zwei sich entgegen kommende Autofahrer einem riesigen Schlagloch in gleicher Richtung ausweichen wollten. Deshalb erwähne ich hier als Besonderheit den fast schlaglochlosen Asphaltes auf der Straße zwischen Mucugê und Andaraí. |
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Einige Kilometern nach Mucugê weist an einer kaum wahrnehmbaren Kreuzung ein winziges Schild auf den Ort IGATÚ hin. Eine einspurige Lehm- Schlamm- und Steinpiste bildet die Verbindung diese abgelegenen Bergdorfes mit der "Aussenwelt". Nach einigen Kilometern verschlechtert sich der ohnehin fragwürdige Zustand der Straße derart, dass ich Carla vorschlage, den Wagen stehen zu lassen und zu Fuß weiterzugehen. Mit dem Hinweis auf die rund vier Kilometer, die noch vor uns liegen, weist sie meinen Vorschlag jedoch verständnislos zurück.
So arbeitet sich der Fiesta tapfer, von Carla umsichtig gelenkt, über Stock und Stein langsam bis Igatú voran. Als wir auf den Marktplatz fahren, stehen dort doch tatsächlich drei weitere Autos! Ich hätte nie geglaubt, das bei derartigen Straßenverhältnissen ein solcher Verkehr herrscht...
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Ein etwa 6 Jahre alter Junge begrüßt uns, kaum dass wir ausgesteigen sind und bietet uns sechs schwarze, stinkende Fische zum Kauf an.
Es beginnt zu regnen. Wir ziehen festes Schuhwerk an und ziehen los. Zunächst folgen uns zwei Kinder, dann drei, schließlich vier. Alle zwischen sechs und elf Jahren alt. Es macht ihnen sichtlich Spaß, uns durch ihr Dorf zu führen. Sie haben uns viel zu erzählen.
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Die Kinder führten uns zu einen kleinen See, der an drei Seiten von bis zu 50 Meter hohen, klippenartigen Steilwänden umgeben ist. Hier treffen wir Huí wieder, einen Trekking-Unternehmer aus der Region, den wir am Tag zuvor in Mucugê kennengelernt hatten. Er ist mit Touristen da, denen er die Möglichkeit bietet, sich am Seil die Steilwand hinab in den See abzuseilen. Carla ergreift ebenfalls diese Gelegenheit. Da Huí aus unserem Gespräch vom Vortag weiß, dass ich Fotograf bin, drückt er mir sofort seine Kamera in die Hand und bittet mich, von allen Personen Fotos beim Abseilen zu machen.
Aus dem Dorf waren viele Kinder und auch einige Erwachsene gekommen, um das Spektakel zu beobachten.
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Nach der Abseilaktion geleiten uns unsere vier kleinen "Führer" zu den Ruinen der ehemals recht großen Diamantengräberstadt, die heute auf rund 3.900 Einwohner geschrumpft ist. Gerade das ist das Interessante an Igatú: der größere Teil der einstigen Stadt ist heute verlassene Geisterstadt. Die ehemaligen Straßen, Gassen und aus Stein gebauten Häuser sind wieder fast völlig von der Natur überwuchert.
Auf dem Weg zu den Ruinen kommen wir am Haus eines der Kinder vorbei, das uns begleitet. Es lädt uns ein, seine Familie kennenzulernen. Wir betreten das winzige Haus mit seine zwei Zimmern, Küche, Vorratsraum und Diele. Die Eltern sind nicht da. Wir sehen fünf Kinder zwischen etwa 8 Monaten und 10 Jahren. Alles Geschwister. Für alle gibt es nur ein Bett und eine dünne Strohmatte, die ohne Bettgestell direkt auf dem Boden liegt. Die Küche ist nicht mehr als eine steinzeitlich anmutende Feuerstelle. Einen Gasherd gibt es nicht. Alles ist sehr spartanisch, auf das allereinfachste beschränkt.
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Noch lange rätsele ich darüber, wie sie in derart begrenzten Räumlichkeiten mit so vielen Personen schlafen...
"Unsere" vier Kinder geleiten uns in die Ruinenstadt. Mit all den Überwucherungen durch die Pflanzen, den Schlangen, Eidechsen, Kröten und Spinnen, die hier hausen, ist dieser Ort die ideale Kulisse für einen Hollywood-Schocker. "Auf der Suche nach der verlorenen Stadt" oder so ähnlich.
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Foto: Carla Valadares Vogt
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In Igatú leben heute nur noch Kleinbauern. Es gibt weder einen Arzt noch eine Schule. Die Kinder werden in einem zum Schulbus umgebauten, vielleicht aus den 50er Jahren stammenden Jeep nach Andaraí zum Unterricht gebracht. Jeden Tag (d.h., wenn die Eltern sie lassen) eineinhalb Stunden Hin- und eineinhalb Stunden Rückfahrt. Stolz erzählten sie uns, dass bald ein richtiger Schulbus angeschafft würde.
Armer Bus! Bei den Straßenverhältnissen...
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